Und so ist es dann. Man fährt plötzlich über Weihnachten zu den Eltern. Plötzlich, weil Weihnachten so lange angekündigt worden ist, dass man nur überrascht sein konnte, als es dann tatsächlich soweit war. Die TAN-Liste für das Online-Banking hat man noch geschafft einzupacken, in der Eile, zusammen mit einem bißchen gewaschener und einer Menge ungewaschener Unterwäsche. Friseurtermin hat nicht mehr geklappt, Abnehmen für das Schaulaufen in der Dorfkirche am Eiligen Abend auch nicht. Die Anreise ist von Seltsamheiten, Seltsammenschen und 300 Kilometern weißem Deutschland erfüllt, die Kamera piept noch am Abreisebahnhof ein letztes Mal leise auf und ist dann tot, die Drecksau. Feiertage also, erstmal Umarmen und gesagt bekommen, dass man dicker geworden ist. Und was soll das mit den Haaren überhaupt, Schatz? Bist Du unter die Hippies gegangen? Und dann ist Weihnachten und Lametta und Schaut Euch den baum an, ist der nicht schön und dann ist es auch schon wieder vorbei. Eigentlich hat man nur geschlafen und wenn man nicht geschlafen hat, hat man gegessen. Zwischendurch Geschenkpapier, endlich den lange gewünschten Sitz- und Gymnastikball bekommen und auch einen Trainingsanzug, aber wieder kein Pony, keine Barbie-Küche und, auch wenn man es nicht zugeben mag, leider auch die seit zwanzig Jahren gewünschte Lego-Burg (mit leuchtendem Skelett im Verließ. Und mit Drachen) war nicht dabei, immer noch schon wieder. Das Passwort für das Blog hat man natürlich vergessen. Ärgerlich, aber man hat ja noch Vanillekipferl, damit lässt sich der Ärger ablöschen. Braten ist auch noch übrig. Aber nicht mehr lange. Und weil man nächstenliebig zugesichert hat, die Hausarbeit von Nummer 9 Korrektur zu lesen, tippt man drei Seiten Kommentare zu Sexueller Identität in drei literarischen Werken auf der vollständigen Tastatur eines Smartphones, die bei Kauf auch noch vollständig benutzbar gewirkt hatte, sich jedoch nach zweitausend Wörtern als hassenswert herausgestellt hat. Zwei Tage später stolpert man im Traum über das Blog-Passwort und sitzt nun am PC des Bruders und hackt auf eine andere Tastatur, eine von diesen, die ein bißchen so sind wie manche viele Menschen: Ansprechendes Design, aber für längeren Gebrauch ungeeignet, zudem klemmt die Leertaste und die Umschalttaste schaltet nur widerwillig. Das Geschehene, das Geschenkte und das Geschichtbare wird warten müssen. Worauf man schon genug gewartet hat: „Avatar“, gerade im Kino. Nicht der beste Film des Jahres, auch wenn ich das gern geschrieben hätte. Aber zweifellos der schönste Film, schön wie in „Hier will ich leben. Finger weg, Du Arsch, ich kriech’ jetzt in die Leinwand! Und dann habe ich wilden Sex mit dem attraktiven blauhäutigen Alien da, während die putzigsten, leuchtenden Flug-Quallen überhaupt um uns herumschweben, und dann rauchen wir eine Zigarette mit Arschkick-Übermutter Sigourney Weaver, und dann kuscheln wir uns nackt in die Botanik und weinen leise, weil unberührte Natur aus dem Computer noch nie schöner und anfassglaubwürdiger war. Und davor und danach haben wir wieder wilden Sex und stecken unsere leuchtenden Tentakelschwänze aneinander, was sich jetzt sicher komisch anhört, aber die Tentakelschwänze sind der Knaller, ich will auch so einen und… erwähnte ich schon, dass ich Sex mit dem blauen Alien haben möchte?“ – So schön. Aber bitte in 3D. Schon wegen den Flug-Quallen. Und bevor ich es vergesse: Habt einen vielversprechenden Jahresanfang, liebe Leser und Innen. Danke für das nun schon welke Jahr 2009. Es war für mich nicht immer, aber mit Euch immer ein Vergnügen. Es ist eine komische Welt dort draußen. Also passt auf Euch auf. Und nehmt ein Handtuch mit.
Der Vater spricht kein Deutsch, die Mutter kennt die notwendigsten Worte und fragt, spricht freundlich Akzent, in nicht einmal Halbsätzen. Allo, Gute Aben. Mit Allen? Zwiebel? Scharfes Soße? Das magt dann. Schöne Aben nog. An den Tischen sitzen die Alten, spielen Karten, sehen ehrwürdig und geschlossen aus, trinken diesen grünen Tee, den ich noch nicht probiert habe, aus silberummantelten Glastassen. Ich komme gern hierher, auch wenn ich etwas laufen muss, ich komme immer wieder, weil das Lächeln ehrlich ist, der Preis in Ordnung und das Essen gut. Ich bestelle das Übliche und warte. Im Hintergrund laufen türkische Nachrichten. Der Sohn der Besitzer kommt herein, seine rechte Hand in der Hand eines anderen Jungen, so etwas sehe ich immer und immer schnell, beide um etwa 16 Jahre alt. Auf ihren gegelten Haaren sind die weißen Schneepunkte verschwunden, noch bevor sie an mir vorbeigegangen sind. Ein türkischer Gruß, die Mutter schaut auf, der Vater dreht sich vom Grill zu ihnen und mir um. Ich beobachte die beiden Hände, die sich weiter halten. Schwarze Handschuhe aus Wolle. In meiner Lunge wärmt sich schwere Luft. Helle Gesichter eilen mit weiten Armen um die Theke, begrüßen die Jungen auf zwei Arten familiär. Hände getrennt, Begrüßung vorüber. Arme sinken von Schultern, Hände ziehen Handschuhe aus, suchen, finden und greifen sich erneut und passen genau in einander. Einladende Gesten des Vaters, mehrere. Türkischer Dialog und Lächeln. Die Mutter streicht dem anderen Jungen über den Arm und zeigt auf einen Tisch, verschwindet dann wieder hinter der Theke. Die Alten heben die Hand, die Jungen grüßen zurück. Hände trennen sich wieder, der Andere zieht einen Stuhl vom Tisch und setzt sich. Und der Sohn setzt sich auf seinen Schoß. Ich habe vergessen zu atmen. Allo, höre ich die Mutter fragen. Allo? Ich bin gemeint. In ihrer Hand dampft Fladenbrot. Mit Allen? Ich schnaufe ein Lachen. Möchte ungläubig den Kopf schütteln. Mit Allem. Ja.
Engel.
Ich muss jetzt ein bißchen Stärke aufbringen, um nicht in gewohnt epischer Breite unkluge oder themenfern halbkluge Dinge zu schreiben. Trauer hat für mich etwas von Arbeiten mit Blattgold. Man geht Erinnerungen durch, auf die Art, wie Du sie ja auch gerade geschrieben hast, und fügt sehr vorsichtig und auf tapfere Art traurig kleine Punkte hinzu, wie Punkte am Ende von wirklich schönen Sätzen. Alles wird noch einmal angesehen und nachgefühlt, ein betäubtes, leise entmutigendes, aber auch schönes Nachleben, denn ganz am Ende bestehen unsere Erinnerungen schließlich doch nur aus dem, was wirklich gut gewesen ist. Eine riesige Sammlung von Sonnentagen… und während man sich neu erinnert, fällt einem auf, dass manche Details erst nach und nach wieder hineinfließen. Sie brauchen ihre Zeit, um aufzutauchen. Indem unsere Erinnerungen sich nur langsam zusammensetzen, fallen wir leicht dem Trugschluß zum Opfer, wir hätten diese kleinen Details um ein Haar vergessen. Das ist der Grund, aus dem Trauern für mich ein bißchen wie Arbeiten mit Blattgold ist. Das Material ist schön und kostbar, doch zart und fragil und man sollte ungestört bleiben, während man damit arbeitet. Das Schlimmste am Nachhall eines Verlusts ist die Angst, dass uns unsere Erinnerungen auseinanderbrechen und wir das schöne, letzte Denkmal, das wir errichten möchten, nicht mehr in ganzen Stücken, sondern in kleinen Bruchstücken zusammensetzen müssen. Und es womöglich nicht mehr komplett zusammen bekommen.
Ich glaube, dass ich gut bin in solchen Feinarbeiten, aber ich bin sicher nicht besonders geschickt darin, andere bei diesen Feinarbeiten nicht zu stören. Deshalb schreibe ich lieber einen Absatz über meine Erfahrung mit Trauer im Allgemeinen, als einen speziell über Deine. Ich möchte Dir nichts kaputt machen. Wenn ich zu Deinen Erinnerungen, diesen ganze Jahre überspannenden Blättchen Gold nun etwas schreibe, fürchte ich, dass ich sie Dir verändere. Das möchte ich auf keinen Fall tun.
Aber ich möchte Dir stattdessen eine Erinnerung von mir an Deine Oma schreiben. Es ist keine ‘große’ Erinnerung, natürlich nicht, sondern nur ein kurzer, aber für mich wichtiger Augenblick, und sicher hast Du sie selbst auch noch. Doch ich glaube, dass meine Erinnerung jetzt vielleicht besser bei Dir ist als bei mir. Lass mich Dir das schenken, was ich von ihr habe. Auch, wenn es nicht viel ist.
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