Eines war mir mittlerweile klar geworden: Niemand würde sich rächen können, ohne uns alle dabei zu opfern. Rache ist ein Buschfeuer und wir lagen, zur Hochentzündlichkeit ausgedorrt, nah beieinander. Die schwelende Sehnsucht nach Genugtuung in mir hatte als Alternative kleine Racheakte vorgeschlagen. Kleine, böse Pfeile. Nur ein bisschen Leid sehen. Ein Wenig nur. Nur ein paar bittere Tropfen Blut. Sie hatte versprochen sich damit zu begnügen.
Ich wusste, dass es nicht anders wäre als mit einem verlockenden Stück Schorf am Ellbogen: Ein Wenig knibbeln. Nur an der Seite. Das wäre nicht schlimm. Und die Finger würden vorfreudig kitzeln und schließlich (Einmal Hier geknibbelt und dann Dort… Und weil es so gut gelaufen war, traute man sich schließlich Da noch einmal ran…) würde doch Blut fließen. Und man würde die Grenze doch überschritten und sich selbst verletzt haben.
Nein, Rache durfte es nicht geben. Das Problem war nur, dass die Vernunft dem Verlangen wenig entgegensetzen konnte. Und manchmal, meist abends, spürte ich das leiddurstige Vakuum sich weiter in mich hineinfressen.
[...]
An Schicksal habe ich sowieso nie geglaubt. Ich halte einen einzigen, riesigen Witz für wahrscheinlicher als individuelle Boshaftigkeiten wie Frau Erna Müller, die im Lotto gewinnt und vor Freude an einem Bissen Schinkenbrötchen erstickt. Es erscheint mir nachvollziehbarer, dass es nur die eine Arschkarte gibt, die “Existenz mit Verstand” heißt und kosmische Ausmaße hat. Von mir aus ist Gottes Arsch auf dieser Karte zu sehen. Wer Religion braucht, darf sich das gerne ausmalen. Ich persönlich fand mein Leben stets auch ohne Gott schon frustrierend genug.
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Vielleicht steht zwischen den Schamlippen jeder Mutter, dem Tor, durch welches wir in diese Welt gekommen sind, in Schleim gemeißelt die Inschrift, die Dante am Eingang zur Hölle las: “Laßt, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren!” Das wäre mal ein Gag, nicht wahr?
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Es ist vielleicht nur mein Kopf, aber…
Wäre dies ein Film, nur mal angenommen es wäre einer.
Dann würden nun die Szenen folgen, bei denen das Publikum schluckt und stark sein will. Einige weinen vielleicht bereits leise.
Da, es geht schon los!
Das ist der Sommer der Liebe. Es ist Mitte Juli und es ist Freitag. Und die Sonne hat sich gerade rechtzeitig so platziert, dass es ein schöner Sonnenuntergang hätte werden können. Einer, bei dem sich gerade irgendwer irgendwo glücklich verliebt, während er den Anderen, vom Vornachtsfeuer und Hoffnungen erleuchtet, lächeln sieht.
Wenn, ja wenn…
Wenn der Himmel nicht finster verhangen wäre und es regnen würde und zwar so richtig. Starker Wind wirbelt wütend über Ziegeln und um Giebel, drückt dröhnend gegen Fenster und den Regen in Richtung Waagrechte. Und jemand drückt sich in den kaum Schutz bietenden Hauseingang einer rußschwarzen Großstadtstraßen-Fünfstockwerke-Beton-Monstrosität und ist nass bis unter die aufgequollene Haut. Über das regennasse Gesicht mit den angeschwemmten Haarsträhnen fließt muffiges Regenwasser. Und salziger Rotz. In ein ebenfalls nasses Mobiltelefon, das morgen unbrauchbar sein wird, quäkt die Person, laut weinend und unter Tränenhusten kopfschüttelnd: “Neinneinneinnein!”. Und lehnt den Kopf schließlich stöhnend, Luft in die Lungen reißend, röchelnd und weiter zuhörend, gegen die dunkelgelb leuchtenden Namen der Bewohner des Hauses. Ein Haus, das irgendwo auf einem Weg zu einem Treffen lag. Das jetzt nicht mehr stattfindet. Und nicht nachgeholt werden wird.
Was tut mehr weh, Schatz?
Dass Du weißt, dass selbst dieser Schmerz
mit der Zeit auch wieder vergeht?
Oder.
Dass sich, während es weh tut, die Erde,
für Alle außer Dir, einfach immer weiter dreht?
Sie hatte
“Ach, das macht doch nichts!”
“Nein, ICH muss mich entschuldigen!”
“Du hast ja recht!”
“Ist halb so schlimm!”
zu oft gesagt. Vielleicht zweitausend Mal zu oft.
Vielleicht mehr.


[Teeminator]
