Interview (Ein Platonspiel) – Teil 1

2009 Juni 9
by hoch21

(Zur besseren Lesbarkeit habe ich den Text in drei Teile geschnitten.)

Teil EinsDie Spieler

Ob ich einen Text für sie schreiben würde. Steht in der Email. Für eine Tageszeitung. Eine unwirkliche Szene. Ich antworte mit drei verblüfften Fragen und freundlichen Grüßen. Die Antwort kommt per Telefonanruf, es ist nur eine einzige Antwort. Für den Kulturteil natürlich, natürlich für den Kulturteil, was auch sonst! Es ist keine noch so indirekte Frage, wie die Frau es ausspricht. Die Lautschrift wäre: „So läuft das in diesem Business nicht, Schätzchen!“ Sie spricht kurzatmig, als laufe sie auf einem Laufband. Oder in einem Laufrad. Ich verdränge das Bild, bevor ich grinsend klinge. Sie hatte nicht die Idee mit mir, das platziert sie im Nebensatz, doch sie hat mich am Apparat, das erkennen wir beide als Herausforderung. Ich tippe auf dunklen Lippenstift, dunkel überfärbtes Grau und einen goldenen Armreif. Sie spricht akzentfrei. Dann spricht sie über Stil. Mehr wie Twitter, nicht wie dieses Blog. Dieses Blog und diese Texte, sie sagt „diese“, wie in „diese Bruchbude kann doch nicht Dein Ernst sein, Darling!“. Sie will einen Artikel. Sie wissen schon. Sie verstehen schon. Sie sagt „you know“ am Ende von Aussagesätzen. Ich schreibe „Stil-Biene“ und „hasst Adjektive“ zwischen zwei Rauten und einige Kringel aus Kugelschreiber auf meinen Notizblock. Erst die Zusage, sagt sie, dann geht es in die Redaktionskonferenz. Meine Zusage. Ihre Redaktionskonferenz. Dann überlegen sie es sich. „Dann melden wir uns“. „Wir“ ist sie, „uns“ ist die Zeitung. Ich will „Aussagesatzfrau“ aufschreiben, doch ich bin aufgeregt und schreibe „Aussatz“ und lege schnell den Kugelschreiber weg. An meinem Finger ist Tinte. Ich wische ihn an meiner Jeans ab und verpasse währenddessen zweieinhalb ihrer Sätze. Ich hatte mal ein Probe-Abo dieser Zeitung, habe es nach einer von drei Wochen gekündigt, doch das ist drei Jahre her. Hoffentlich stehe ich seitdem nicht auf einer Schwarzen Liste. Na ja, anscheinend nicht. Ich gebe ihr ein Probe-Ja, doch sie versteht „Probejahr“. Sie korrigiert mich auf „einmalig“, ich stammle unverständlich. Und bestätige ihr wahrscheinlich siebenundvierzig ihrer Vorurteile mit nur sechs zerhackten Silben. Also Ja. Sie wiederholt es noch einmal. „Also ja. Gut. Ich melde mich dann. Klick.“ Ich nehme den tutenden Hörer vom Ohr und starre ihn an. 3-37, zeigt das Display, bevor es erlischt.

Musik, sagt sie zwei Tage später. Die Redaktionssitzung ist gerade um und mit dieser Information begrüßt sie mich. Laufrad-Atem. „Musik!“, lautet der ganze Satz, der direkt darauf folgt. Es ist ein Aussagesatz. Das „you know“ lässt sie weg, doch „Musik“ konnte ich auch nicht wissen, das habe ich nicht kommen sehen, konnte es nicht einmal erahnen. Musik. Ich sage „Aha, Musik“ und es klingt wie eine Frage. Sie sagt: „Ja, Musik. Ich rufe wieder an. Klick.“ Das Display zeigt 0-58 und mein Gesicht eine Frage, deren Antwort die Gegenfrage „Was hast Du denn erwartet?“ lauten könnte. Oder vielleicht „Mach’ den Mund zu, sonst fliegen Käfer rein!“ Musik. Das ist es also.

„Interview!“ Es ist zwanzig Uhr fünfzehn, ihre Stimme bellt „Interview!“ zur Begrüßung. Sie scheint wieder in ihrem Laufrad zu sein. Oder immer noch. Fast tut sie mir leid, doch sie spricht, bevor ich den Gedanken begründen kann. Kein freier Text, sagt sie. Sie brauchen jemanden, der ein Interview führt. „Ein Interview“ ist ein bestimmtes Interview, das höre ich heraus. Eine große Sache, you know. Sie nennt den Namen. Nie gehört. Wann, frage ich Frau Klick. Ihr Stichwort. Ich höre sie raschelnd nach etwas suchen, dann greifen. Zusage sofort, Anmeldung Donnerstag, die genaue Uhrzeit am Freitag, Interview Montag, Rückmeldung sofort, Montag bis Redaktionskonferenz erster Entwurf, Dienstag bis Acht Uhr das fertige Interview, eventuell Korrekturen, Mittwoch ist es drin, „Dann sehen wir weiter. Haben Sie alles notiert?“ Was? Ich greife hastig nach Notizblock und Kugelschreiber. Scheiße. Sie sagt: „Ich dachte mir schon, dass das verwirrend für Sie ist. Man kennt das, you know. Steht daher alles noch einmal in der Mail. Da steht alles drin.“ Welche Mail? Die, die gerade angekommen ist. Ich klicke auf meinen Posteingang. Keine neuen Nachrichten. Sie sagt: „Montag dann. Viel Erf-Klick.“

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