3,14 beeindruckende Beispiele für Kultur

In einer Hausarbeit, die ich kürzlich Korrektur las, kündigte der Verfasser ‘beeindruckende Beispiele’ für den folgenden Absatz an, es ging um Sexuelle Identität in drei deutschsprachigen Büchern, allesamt Jugendromane. Ich schreib ihm, dass beeindruckende Beispiele in der Regel nur bei Pro7 angekündigt werden, wie zum Beispiel beeindruckende Beispiele, wie man mit Kaugummiblasen Maikäfer auf Motorhauben kleben kann. Das Alles nach einer kurzen Werbeunterbrechung, hier bei ‘Welt der Wunder’. Bleiben Sie dran. Oder beeindruckende Beispiele für Temperaturmessungen anhand der aufgerichteten Nippel von Kölner Wirtschaftswissenschaftsstudentinnen in der Kölner Innenstadt. Dass Jugendliche jedoch in Adoleszenzromanen oftmals in ihrer sexuellen Identität unsicher sind, ist nicht beeindruckend, mit welchen Beispielen auch immer. Das ist normal. Und Normales ist nicht beeindruckend, sondern gewöhnlich, also das Gegenteil von beeindruckend. Wenn ein Bürger der Stadt Bonn Urlaub in Hamburg macht, wird er nicht vor einer Schlecker-Filliale stehen bleiben und diese beeindruckend finden, denn Schlecker-Fillialen gibt es wie Kafka-Fanartikel in Prag, sie sind allgegenwärtig und man assoziiert sie vielleicht sogar mit Ungeziefer. Die Ankündigung, dass sexuelle Verwirrungen bei Heranwachsenden beeindruckend sein werden, ist Unsinn. Ein beeindruckendes Beispiel für Unsinn ist übrigens der Weltrekord des Franzosen Fabrice Bellard, der erst kürzlich die Zahl Pi bis auf 2,7 Billionen Dezimalstellen genau ausgerechnet hat. Pi, das ist diese irrationale Zahl, mit der man das Verhältnis von Kreisumfang zu Kreisdurchmesser kjdh dej eoj iviej vj…. Entschuldigung, ich bin gerade schnarchend auf die Tastatur geknallt. Bisher jedenfalls war der japanische Professor Daisuke Takahashi der Rekordhalter der Dezimalstellenspalterei um Pi, doch der ist nun von Fabrice Bellard, diesem Rechenfuchs, nass gemacht worden. Um 123 Milliarden Dezimalstellen nass gemacht, um genau zu sein. Ich persönlich bin ja mit π=3,14159 sogar bis zum Abitur und über das Abitur hinweg gekommen, und seitdem hat mich nur selten der Wunsch befallen, spontan die Flächen der Kreise auszurechnen, die meine Rotweingläser auf dem Stück Schreibtisch zwischen Tastatur und Flachbildschirm hinterlassen, wenn ich allabendlich meine Leber gieße. Apropos Gießen. In Gießen, der unspektakulären bis beleidigend hässlichen und mit, im Gegensatz zu Pi nur grob geschätzten, 74.000 Einwohnern achtgrößten Stadt Hessens, dem Bundesland, aus dem ich bekanntlich stamme und aus dem ich, 15 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, aufgrund des Regimes, mit nichts als drei Koffern voller Neurosen, einem Umzugskarton mit Büchern über die Lehren von Galilei und einer handbestickten Lutherbibel, sowie der Kleidung an meinem Leib, vor brennenden Mistgabeln und einem Haufen Scheitern geflohen worden bin, wurde der Weltrekord im Pi-Vorlesen aufgestellt. 360 Freiwillige lasen im Jahre 2005 dort 30 Stunden lang Pi vor, bis auf 108.000 Nachkommastellen. Eine Sehenswürdigkeit von Gießen ist übrigens das beeindruckende ‘Elefantenklo’, eine betonene Fußgängerbrücke mit großen, nicht runden und daher nicht mit Pi ausrechenbaren Löchern, durch die man auf die darunterliegende, dreispurige Kreuzung blicken kann. Nein, es ist wirklich nicht verwunderlich, weshalb man sich in Gießen freiwillig meldet, um 108.000 Dezimalstellen von Pi vorzulesen. Und wo wir gerade bei Lesungen sind: Essen ist 2010 die Europäische Kulturhauptstadt, stellvertretend für das ganze Ruhrgebiet. Gestern Abend gegen 19 Uhr bin ich durch Katernberg, einem beeindruckenden Stadtteil der diesjährigen Kulturhauptstadt, geirrt und habe einen Baumarkt gesucht, um einen Ablaufschlauch für die Spülmaschine zu kaufen, die mein neuer Mitbewohner zur Wohnung beigesteuert hat und die ich in den vierten Stock getragen habe, weil er zufällig seine neue Jeans trug, als er die Spülmaschine im Lieferwagen vorbeibrachte. Ich komme darauf, weil in Essen-Katernberg sicher keine Lesungen stattfinden werden, nicht in diesem Jahr und auch in Zukunft nicht, und Führungen nur in Schutzanzügen, denn Katernberg verhält sich zu Lesung wie Tschernobyl zu Strandkorb. Ohne BMW mit getönten Scheiben, Sonnenbrille und defekter Sprachdatei kommen Sie dort nicht weit und sicher nie an. Und wo wir gerade schon dabei sind: Ich möchte noch darauf hinweisen, dass Reisende in die Kulturhauptstadt 2010 ab sofort das Ruhr2010-Fan-Outfit zu tragen haben. Dieses beeindruckende Ruhr2010-Fan-Outfit besteht aus Grönemeyer-Gesicht, Feinrippunterhemd, SPD-Anstecker, Bierflasche, Jogginghose, Hund, Opel Vectra und einem Kohlebrikett zum Winken. Touristen werden weiterhin gebeten, sich die Worte ‘was’ und ‘das’ abzugewöhnen und durch ‘wat’ und ‘dat’ zu ersetzen, sowie tageszeitunabhängig mit ‘Mahlzeit!’ zu grüßen. Ratsam ist es ferner, bei der Verständigung mit den Einwohnern der Europäischen Kulturhauptstadt 2010 auf die regional korrekte Verwendung von Personalpronomen und anderen Korrektheiten zu achten, in der die neue Stellung der Frau in der modernen Gesellschaft bereits sprachlich berücksichtigt wird. Hier zwei beeindruckende Beispiele: ‘Dat ist dem Gaby ihr Mann sein Auto’ und ‘Nee, dat ist für den, dat ist der Frau ihr sein Pils und Bratwurst, die hat den bestellt’. Und zuletzt nun, lieber Leser oder In, wenn Sie beschließen, in diesem Jahr die frische Luft von Kultur einatmen zu wollen und auf ihrem Weg irgendwohin anders hin, als da wo ich hier… Dings! Ruhr! und da wo Gießen, das Ruhrgebiet kreuzen und einen Abstecher zu der ehemals Arena Auf-Schalke getauften, dann in Veltins-Arena umbenannten Spielstätte im bezaubernden und natürlich beeindruckenden Gelsenkirchen machen möchten, fragen Sie nicht nach der ‘Veltins-Arena’, denn in diesem Fall schickt man Sie nur zur nächsten Trinkhalle, wie beinahe rund um die Uhr geöffnete Kiosks hier genannt werden, und nicht zum gesuchten Fußballstadion. Fragen Sie stattdessen nach dem im Ruhrgebiet gebräuchlichen Namen: ‘Dem Ernst Kuzorra seine Frau ihr Stadion’. Frohes Gelingen!

4 Gedanken zu “3,14 beeindruckende Beispiele für Kultur

  1. tachauch sagt:

    Beeindruckend hinterlässt einen bleibenden Eindruck… wahrhaftig, ich mag diesen übelst ansoziologierten Reisebericht :)

  2. [...] – schreibt einen lesenswerten, wenngleich mit zuwenig (keinen) Absatzmarkierungen versehenen Artikel über Verschiedenes, darunter einen gerade stattgefunden habenden Weltrekord über die Berechnung der Kreiszahl [...]

  3. mrs dalloway sagt:

    ein haufen scheitern. das ist großartig.

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