Ein gottverdammtes Wunder (Eine Kurzgeschichte)

(Info: Netzpapst Sascha Lobo übernimmt am 18.Mai für einen Tag den Sessel des Chefredakteurs der Rhein-Zeitung. Für den Kulturteil der Lobo-Ausgabe wurde ein Kurzgeschichtenwettbewerb ausgeschrieben, gesucht wurde (bzw. wird noch) eine Kurzgeschichte, die am fünften Tag eines globalen Ausfalls des Internets spielt und so beginnt:
“Er blickt mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg.”
Die Details zum Wettbewerb lassen sich hier nachlesen.

Da mich wenig so gut von Herzkram ablenkt wie Schreiben, habe ich dazu ein paar schlichte Zeilen geschrieben.)


Patrick blickt mehr der Ordnung halber auf den Bildschirm. Alles wie gehabt, der fünfte Tag ohne das Internet. Weltweit weg.
Megadreck!

Angeblich herrscht Chaos, weil das Internet weg ist. Patrick ist nicht überrascht. Als wäre Chaos noch eine Neuigkeit! Irgendwo herrscht doch immer Chaos, irgendwas ist doch immer gerade absolut katastrophal, weil irgendjemand Mist gebaut hat!
Dieses Mal haben die Idioten aber das Internet erwischt. Sein Internet. Kaputt. Einfach so. Das letzte Bollwerk zwischen seinem Leben und dem Leben derer, die seinem im Weg stehen. Futsch.
Seine Eltern haben die Nachricht natürlich aufgenommen, wie sie alle Nachrichten aufnehmen, die damit zu tun haben, dass sein Leben mal wieder ausgebremst wird: mit fröhlicher Zufriedenheit. Das böse, böse Internet mit dem ganzen Schweinkram und den Killerspielen ist endlich weg! Jippieh! Das große, pädagogisch wertvolle Comeback der guten alten Zeit hat begonnen, mitsamt Rauchzeichen, Latrinen und gepökeltem Fleisch.
Willkommen zurück im gottverdammten Mittelalter!

In der Startleiste liegt eine neues Dokument hinter iTunes, einem nutzlosen Firefox und einem Emailentwurf. Patrick klickt es an und starrt auf den Cursor, der vorwurfsvoll allein auf weißer Flur blinkt. Seine Hausarbeit für Deutsch über Franz Kafka.
Tja. Was weiß man über den, so ganz ohne Wikipedia?
Hat komisches Zeug geschrieben und hatte Probleme mit seinem Vater. Hat irgendwann gelebt und ist nun schon ewig tot. Alles absolut unwichtig bis auf die Tatsache, dass seine Deutschnote, also sein ganzes verdammtes Leben von dem Kerl und seinem Gekritzel abhängen.
Für gewöhnlich wäre das kein Problem. Doch wer hatte ahnen können, dass pünktlich zur Abgabe irgendein Assi den Stecker zu Google, Wiki und dem ganzen Rest ziehen würde? Und offenbar ist derjenige, der es geschrottet hat, auch damit beauftragt worden, es wieder zusammen zu kleben.
- Schönen Dank auch, du Arschgeige, wer immer du bist!

Klar, er hätte in die Stadtbücherei gehen können. Rechtzeitig, wie sein Vater so gern tadelt, wenn es zu spät ist. Dann ist es ja auch einfach! Er war sich sicher gewesen, dass das Internet nicht einfach weg bleiben würde.
Es sind noch zwei Wochen bis zur Notenkonferenz. Zweiunddreißig Leute sind in seiner Klasse und zwölf davon stehen notentechnisch bei Frau Bergerhoff auf der Kippe. Er ist einer der zwölf. Acht hatten vorige Woche schon Abgabe. Patrick gehört zu den übrigen vier Glückspilzen, die gerade so richtig tief drin sitzen.
Nun wird er am Tag der Abgabe um eine Gnadenfrist bitten müssen. Persönlich. Von Angesicht zu Angesicht. Schon der Gedanke daran macht ihn nervös, denn seine Chancen stehen nicht gut. Unter normalen Umständen könnte er Frau Bergerhoff vielleicht eine Email schreiben und um Aufschub bitten. Doch derzeit herrschen leider keine normalen Umstände, denn sonst müsste er auch keine Email schreiben, weil die Hausarbeit längst fertig wäre. Ihre Telefonnummer hat er nicht, doch selbst wenn er sie hätte, würde er es nicht wagen, sie Zuhause anzurufen. Frau Bergerhoff ist sicher nicht die Sorte Mensch, die eine Störung Zuhause mit Nachsicht belohnen wird.

Er klickt den Emailentwurf aus der Starleiste hoch und liest ihn noch einmal:

„Liebe Ute Bergerhoff,

anbei das beste Referat, das Sie jemals lesen werden, denn es enthält all das Wissen über Franz Kafka, das nach dem Verschwinden des Internets noch auf irgendwelchen Steintafeln übrig geblieben ist. Sind Sie bereit? Los geht‘s!
Franz Kafka wurde am blabla in blabla geboren und starb am blabla in blabla an blablabla. Sein Vater war doof und damals gab es kein Internet, deshalb war Franz unglücklich und schrieb viele seltsame Sachen mit Käfern und so Kram. Egal. Ende.
Na? War es für Sie auch so schön wie für mich?
Zu kurz? Also gut. Weil Du es bist, gewähre ich Dir noch ein paar besondere Einblicke:
Wenn Franz Kafka heute leben würde, wobei nicht heute, sondern irgendwann vor fünf Tagen, als es das Internet noch gab und man pisslangweilige Referate über pisslangweilige Menschen für permanent angepisste und ihre Schüler terrorisierende Leerkräfte wie Sie, Frau Ute Bergerhoff, einfach mit Copy & Paste aus dem Netz ziehen konnte… Also wenn Franz Ätz Kafka heutzutage leben würde, hätte er sicher ein Blog. Es würde „Käferspaß mit Franzi“ oder „Ich bin eine arme Wurst“ heißen und niemand, darüber sind sich die Experten einig, würde sein irres Zeug lesen und andere Blogger würden ihn höchstens belächeln. Er wäre nur ein unbeachteter Freak unter vielen, von dem keiner ihrer wichtigen Literaturfuzzis jemals etwas lesen wollte, weil Blogs ja, ich zitiere sie, sehr geehrte Frau Utepetete Bergerhoff, „überhaupt keine richtige Literatur“ sind.
Doch darüber kann man nur spekulieren, denn er ist ja eigentlich tot. Verstorben, verbuddelt und vermodert. Und das ist fast genau so tot, wie ich es bald sein werde, wenn nicht noch ein gottverdammtes Wunder geschieht und das Internet wieder an seinem Platz landet.

Aber wenn du mich jetzt bitte entschuldigen würdest, ich habe noch einen anspruchsvollen Erwachsenenfilm anzusehen, in dem sich ein blondes Luder, das übrigens der neuen GK-Referendarin, Frau Schmied sehr ähnlich sieht, mit einem ganzen Raum voller paarungswilliger Männer vergnügt.
Keine Sorge, Uteschatz! Kafka würde das verstehen!

In Erwartung einer Eins und mit viel Liebe,
Der Patmaster“

Das ist selbstverständlich eine Email von der Sorte, wie man sie nur im unwahrscheinlichen Fall schreibt, dass es einmal weltweit kein Internet mehr gibt und man so tief im Ärger steckt, dass er an der Oberlippe schon Kruste bildet. Und aus Langweile und Frust darüber. Nur dann. Und nicht ernsthaft.
Natürlich wäre das unter normalen Umständen auch eine Möglichkeit, die Sache mit der Note endgültig zu regeln. Wer von der Schule geschmissen wird, braucht sich um seine Deutschnote schließlich nicht mehr zu sorgen. Aber das zieht Patrick nicht in Erwägung. Er ist zwar beinahe verzweifelt, aber sicher nicht verrückt.
Noch nicht, jedenfalls.
Er wirft noch einmal einen Blick auf die Leere im Leben und Schreiben von Franz Kafka, dann lässt er seinen Kopf mit einem Schnaufen auf die Tastatur fallen.
Unten läuft der Fernseher. Seine Mutter schaut Tierdokus, als stände die Welt ihres Sohnes nicht am Rande der Vernichtung. Er weiß, dass sie ein Ohr nach oben hält, für den Fall, dass er sich für XBox oder iTunes statt für Franz Kafka und Deutschnoten entscheiden sollte.
Danke für die Unterstützung, Mama, ruft er ihr in Gedanken zu.

Als er wieder aufschaut, ist seine Hausarbeit um „vvgft“ gewachsen. Er weiß, dass diese unumstößliche Wahrheit hinsichtlich Kafka‘s Leben und Werk das Beste beinhaltet, was er ohne Internet zu schreiben imstande ist. Und das ist nicht gut.
Obwohl, überlegt er, das gar nicht mal so übel ist. Besser als nichts ist es allemal. Vielleicht sollte er ihr morgen das Problem mithilfe von „vvgft“ erklären:
Liebe Ute, so ganz ohne Internet kann ich über Kafka nur eines sagen: Vvgft! Und deshalb, das verstehst Du sicher, brauche ich noch einen Tag Zeit oder die Eins gleich jetzt und hier!
Er grinst. Ja, das wäre bestimmt von Erfolg gekrönt. Gerade bei der Bergerhoff. Die würde ausflippen wie eine Tüte Grashüpfer. Aber was wäre das für ein Anblick!
Patrick malt sich ihr in Zeitlupe entgleisendes Gesicht aus. Von der streng dreinschauenden Grammatiktyrannin über ein schmelzendes Fragezeichen zur hysterisch kreischenden und fuchtelnden Fratze in unter zehn Sekunden. Mit einer solchen Aktion würde er zur Legende werden!
Und selbstverständlich sterben, ohne Zweifel. Sie würde ihm den Kopf abreißen. Sogar die Klassenclowns verstummen allesamt, wenn Frau Bergerhoff den Raum betritt. Niemand würde sich trauen, jemals so mit ihr zu sprechen. Niemand jedenfalls, der nicht enorme Todessehnsucht verspürt. Die auf eine solche Respektlosigkeit sicher folgende Explosion würde verheerend sein.
Aber irgendwann sollte es mal jemand machen! Nicht mit „vvgft“ und einer Bitte um Abgabegnade, sondern gleich so richtig. Voll rein! Im Stil seiner Email. Und dann zusehen, wie sie aus dem Westflügel der Albert-Schweitzer-Gesamtschule emporsteigt, um die Galaxie zu zerstören: die Bergerhoff-Supernova.

Unter anderen Umständen würde er ausgelassen über dieses Bild lachen, doch unter den gegebenen reicht es nur noch für ein mattes Grinsen. Er beschließt, sein Glück aus Mangel an Alternativen morgen doch lieber mit Hundeblick und weißer Fahne zu versuchen als mit Trotz und einem weißen Blatt Papier.
Er wird sich Mühe geben und sie wird es verstehen. Also speichert er das noch leere Dokument über Kafka ab und schließt das Textprogramm, während er darüber nachdenkt, was er zu ihr sagen soll.
Als er die Email schließen will, klickt er versehentlich auf den Button Senden.
Patrick wird bleich.

Nachricht gesendet.

4 Gedanken zu “Ein gottverdammtes Wunder (Eine Kurzgeschichte)

  1. robert sagt:

    Gut, das du dich verlesen hast :)
    Kurz gesagt. Ich würde gerne noch mehr aus Patricks Leben erfahren bzw. lesen…

  2. hoch21 sagt:

    Danke. Aber die KG wäre ohnehin auch hier gelandet.
    Es gab natürlich eine Menge Zeug, was nicht in der Geschichte gelandet ist, weil ich es zugunsten von Länge und Lesbarkeit herausgekürzt oder gar nicht erst umgesetzt habe. Vielleicht komme ich irgendwann mal auf Patrick zurück, wenn ich mal mehr Zeit habe. Ich hatte noch nie eine Figur wie ihn im Kopf, das war interessant.

  3. robert sagt:

    Dann harre ich auf Patricks Rückkehr :)

  4. [...] Ein gottverdammtes Wunder Sogar die Klassenclowns verstummen allesamt, wenn Frau Bergerhoff den Raum betritt. Niemand würde sich trauen, jemals so mit ihr zu sprechen. Niemand jedenfalls, der nicht enorme Todessehnsucht verspürt. Die auf eine solche Respektlosigkeit sicher folgende Explosion würde verheerend sein. Aber irgendwann sollte es mal jemand machen! Nicht mit „vvgft“ und einer Bitte um Abgabegnade, sondern gleich so richtig. Voll rein! Im Stil seiner Email. Und dann zusehen, wie sie aus dem Westflügel der Albert-Schweitzer-Gesamtschule emporsteigt, um die Galaxie zu zerstören: die Bergerhoff-Supernova. [...]

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