Test

Was man nicht hören möchte, wenn ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt einem in den Rachen schaut, während man beunruhigt auf die sorgsam aufgereihten, folterinstrumentig aussehenden Werkzeuge auf dem Beistelltisch schielt: “Oh!”. Davon setze ich ihn in Kenntnis, noch bevor er das Oh! weiter ausführen kann. Er lächelt. Schlimmer wäre nur Igitt!, sage ich und dann lachen wir. Meinem Hals gefällt das nicht. Ich notiere im Kopf, nicht mehr zu lachen und klebe den Gedankenzettel neben “Nicht schlucken!”, “Nicht husten!” und “Nicht atmen!”. Dann lacht der Arzt nicht mehr, sieht mich ernst an und fragt:
“Haben Sie mal einen HIV-Test machen lassen?”
“Um Pfeiffer Drüsenfieber zwei Mal zu bekommen, muss das Immunsystem eigentlich ziemlich zerschossen sein”, höre ich ihn sagen. “Sind Sie oft krank?”
Fünf Monate 2010, drei Mal Antibiotika. Zwei Lungen- und drei Rachenentzündungen in vier Jahren. Drei Wochen später bin ich zu Hause, wieder einigermaßen fit und auf dem Weg zum Gesundheitsamt. Die beste Freundin von allen begleitet mich.
In meinem Kopf formt sich eine Vorurteil gegenüber Gesundheitsämtern. Es scheint als gäbe es dort nur Frauen. Ich zähle zehn Frauen bis zum Zweiten Stock und werde noch sieben weitere zählen.
Ich blättere im Wartezimmer durch Infohefte über Chlamydien (Erinnert mich immer an eine Blumenart. Irgendwas Lilafarbenes. Also Ulla, Deine Chlamydien sind dieses Jahr wirklich wun-der-schön!), Hepatitis, Syphilis (Griechische Götter. Die heißen doch alle so), Herpes (Klingt wie Bier. Jetzt ein frisches, kühles Herpes vom Fass) und andere Deckseuchen. Aus einem Radiolautsprecher singen Mr. Big “Baby, it’s a wild world”. Ich würde lachen, wenn ich nicht angeekelt wäre. Ich schreibe eine Gedankennotiz: Nie wieder Sex!
Ich rede mit einer aufgeschlossenen Mittfünfzigerin im Faltenrock über Sex, Blut, Sperma und den Getränkeautomaten im Foyer. Was machen Sie, wie oft machen Sie es und wann zuletzt? Baden Sie in Samenflüssigkeit? Trinken Sie Lebenssaft? Finden Sie Softdrinks im Gesundheitsamt nicht auch ein bisschen seltsam?
“Aber warum denken Sie denn, dass Sie sich angesteckt haben könnten?”
Ich erzähle eine kurze Krankheitsgeschichte.
Sie sagt: “Na, wenn Sie darauf bestehen!”
“Muss ich jetzt noch die Hose ausziehen und husten, während Sie meine Hoden halten?”
Sie lächelt nicht. “Das gibt es bei uns nur im Erdgeschoss!”
Ich bekomme drei reißfeste Kondome und eine Aidsschleife und die Zimmernummer vom Labor.
Wofür sich beste Freundinnen hervorragend eignen: Aus Solidarität auch einen HIV-Text machen lassen und dann bei der Blutabnahme umkippen, so dass man zu aufgeregt ist, um selbst umzukippen.
Neun Stunden und sechs Kaffee bei Starbucks auf nüchternen Magen später kippe ich stattdessen am Hauptbahnhof um. Ich denke: Na prima, jetzt siehst Du aus wie eines dieser verzottelten Drogenopfer, die zu lange an der Meth-Pfeife genuckelt haben.
Fünf Tage warten. Mit einem Wochenende und einem Feiertag dazwischen, also acht Tage. Genug Zeit, um sich sicher zu sein, wie das Ergebnis lauten wird. Genug Zeit, um den Text zu üben, den man Eltern, Ex und Ehrenamtlichen sagen wird. Genug Zeit, um viele Artikel über Nicht Nukleosidanaloge Reverse Transkriptase-Hemmer zu lesen. Genug Zeit, um viele Gedankenzettel zu schreiben. Genug Zeit, um sich vollends in einen somatischen Wahn hinein zu steigern.
Zwischendurch ein Besuch beim Arzt. Rachenentzündung. Reste von Pfeiffer Drüsenfieber oder etwas anderes. Egal. Antibiotika.
Acht Tage später treffe ich nach bemühtem Schlendern verschwitzt im Gesundheitsamt ein. Verschwitzt ist untertrieben, ich transpiriere Hektoliter. Die beste Freundin liegt zu Hause im Bett. Halsentzündung.
Der Heimweg ist sorgfältig geplant und er führt nicht an hohen Gebäuden oder U-Bahn-Haltestellen vorbei. Ich notiere mir den Namen der Ergebnis-Frau im Kopf. Die Frau wird mein Leben verändern. So ähnlich wie Lee Harvey Oswald das Leben von John F. Kennedy verändert hat.
“Geht es Ihnen gut?
(Nein.) “Ja.”
“Möchten Sie sich setzen?”
(Ja.) “Nein.”
“Sie schwitzen.”
(Ach?) “Es ist warm draußen.”
“Möchten Sie ein Glas Wasser?”
“Nein, danke!” (Hör’ mal gut zu, Du dumme Schnecke! Ich hab’ heute noch was vor! Ich will mein Ergebnis und zwar sofort!)
“Na gut. Wollen wir dann mal nachsehen?”
“Das wäre nett.” (Noch eine Frage! Stell’ noch eine einzige Frage! Dann fress’ ich Dich!)
“Wie lautet Ihr Stichwort?”
(Totschlag, Baby!) “Ameisenhügel.”
“Ah, hier ist es! Ja, das sieht doch positiv aus!”
“WIE BITTE?” (Ich bring’ Dich um! Ich bring’ Dich um!)
“Es ist alles in Ordnung!”
Ich bekomme ein Fruchtbonbon und noch drei reißfeste Kondome. Wenn nicht überall Frauen herumlaufen würden, würde ich tropfend durch das Gebäude tanzen. Den nächsten Baum, notiere ich in Gedanken, reiße ich aus dem Boden. Im Flur stecke ich Infohefte und Postkarten ein, vor dem Gebäude stecke ich mir grinsend wie der Hippie in der Hanfplantage eine Zigarette an.
Auf der Treppe sitzt ein Mann und weint. Ich schlucke. Mein Hals tut weh.
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