Ellipse
Wir sind die Hüllen der Menschen, die gestern Spaß hatten, sagt er und nimmt noch eine Zigarette. Ich schenke Wein oder Cola nach. Oder Kaffee oder Wasser. Er fragt, ob ich Musik anmachen kann und ich mache Musik an. Draußen immer Regen. Der Sommer ist auch verschwunden. Ich frage, ob ich das Fenster schließen soll. Er sagt, es sei tatsächlich schon ziemlich kalt.
Emails, Anrufe, SMS. Wir antworten kurz oder kühl im Nachbarzimmer, wenn die Welt unser Schweigen stört.
Manchmal das Geschichtenspiel. Im Hellen oder Dunkeln. Ich auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch sitzend und er auf meinem abgewetzten Sofa liegend. Ich frage ein Bild und er antwortet die Geschichte.
Nach dem Sex lächeln wir uns leise zu. Wir teilen ein Geheimnis, das niemanden interessiert.
Wir finden keinen Namen für uns.
Worüber sich die beiden Kinder im Bus unterhalten. Darüber, wie es ist, endlich erwachsen zu sein. Ein Kind ist Streber, das andere ist naiv. Ich frage ihn, welches Kind unbeabsichtigt Wahrheiten über das Leben ausspricht. Er antwortet, dass die Wahrheiten selbstverständlich von dem naiven Kind gesagt werden. Doch dass nur der Streber die Wahrheiten des anderen Kindes begreift. Das naive Kind, sagt er, braucht keine Wahrheiten.
Wir fahren 360 Kilometer und stehen rauchend auf dem Parkplatz vor einer Ruine neben einer Tankstelle. Getankt und Kaugummis gekauft. Neun Euro Eintritt sind zu viel.
Wir sind Masken, wenn wir kurz vor Ladenschluss im Supermarkt hinter dem Industriegebiet einkaufen, wenn wir Fertigmahlzeiten kaufen und für die letzten Kunden, für die Kassiererinnen und Regalauffüller ein fünfzehnminütiges Theaterstück über Freunde aufführen. Sobald wir wieder im Auto sitzen, greifen wir nach Zigaretten und rauchen die Heimfahrt über zum Takt der Ampeln und zum Klang des Radioprogramms.
Zwischendurch Arzttermine. Gut und geht so.
Warum die Frau vor dem Obstregal steht und weint. Er antwortet, dass sie auf eine Zitrone getreten ist und sich für den Schmutz auf dem Boden schämt. Sie läuft durch den Laden und sucht etwas, womit sie schnell und unerkannt den Zitronenmatsch aufwischen kann, für den sie verantwortlich ist. Als ich ihn frage, ob die Frau einen Schal um den Hals trägt, sagt er, dass das nicht wichtig ist. Wichtig ist nur, dass die Frau sich schämt und dass sie weint.