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Text 60: Die Nachtschwärmer (anlässlich von Das Letz Niest VI)

(Als ich gestern Morgen im Zug saß, vor mir eine vierstündige Zugfahrt nach Tübingen, wo ich abends bei Das Netz Liest VI Texte von mir vorlesen würde, und neben mir eine Reisetasche und darin die Texte, die ich für den Abend ausgesucht hatte, wurde ich von schlechtem Gewissen ergriffen, weil die von mir ausgewählten Texte ausnahmslos ältere, bereits veröffentlichte Texte waren, denn ich hatte seit einem Jahr keine nicht ernsten Texte mehr geschrieben, mir jedoch vorgenommen, eher unterhaltsame als schwere Kost mitzubringen. Zudem waren alle Texte fürs Lesen, aber nicht speziell fürs Vorlesen geschrieben worden. Weil nun vier Stunden Zugfahrt sehr ereignislos sein können, beschloss ich daher nach 20 Minuten Fahrt, während meiner kleinen Deutschlandreise noch einen neuen Text für den Abend zu schreiben, beziehungsweise mich daran zu versuchen. “Die Nachtschwärmer” kam schließlich am Abend ganz gut an, was mich freut, immerhin war das Neuland für mich. Und da ich hinterher gebeten wurde, den Text doch noch zu veröffentlichen, gibt es ihn also jetzt hier in einer während der Rückfahrt noch einmal überarbeiteten Fassung.)

Es ist Abend geworden. Im schwindenden Licht des Tages balancieren erste Stadtkatzen auf den Mauerstücken in den Hinterhöfen. Aus offenen Fenstern dringen Fernsehgeräusche. Die große Parade der Autos ist vorüber und die sich auf die Stadt legende Dunkelheit bringt den Lärm des Tages langsam zum verstummen. Die Zeit der Tagbewohner ist zu Ende. Doch die Stunde der Nachtschwärmer bricht gerade erst an.

Da. Ein neugieriger Kopf streckt sich aus einem Hauseingang und sieht sich aufmerksam um. Es ist ein junges Schildmützenmännchen. Gerade erwacht, hält es nun Ausschau nach seinem Rudel. Doch noch ist von seinen Artgenossen nichts zu sehen. Und so zieht sich das Schildmützenmännchen vorerst wieder in seinen Plattenbau zurück.
Unterdessen haben sich am Kiosk an der Straßenecke ein paar alte Hopfentaucher versammelt. Sie erfrischen sich am fünften Bier des Tages und verteidigen grunzend ihre Trinkstätte gegen streitlustige Halbstarke. Doch heute Abend ist es ruhig und so schimmern die Glatzen der trägen Hopfentaucher friedlich unter dem Licht der Straßenlaternen.
An der Bushaltestelle stehen ein muslimisches Kopftuch- und ein struppiges Vollkornweibchen mit ihren Jungen und warten. Das Vollkornweibchen war auf der Jagd und hat fair gehandelte Bio-Lebensmittel erlegt, die es nun in seinem Leinenbeutel zurück in sein Nest trägt. Ihr Nachwuchs hockt auf der Bank, lässt die Pfoten baumeln und kaut genüsslich auf Haferkeksen, kritisch beäugt von den Jungen des Kopftuchweibchens.
Eine kleine Gruppe Emomännchen huscht über die Straße und schleicht an den Fassaden der Häuser in Richtung Innenstadt. Ihr Gefieder ist noch schwarz und pink und ihre blassen Gesichter noch frei von Bartwuchs. Erst mit der Geschlechtsreife ändern die Emomännchen ihre Farbtracht. Dann beginnen sie auch, sich für einander und manchmal sogar für Weibchen zu interessieren.

Am Hauptbahnhof geht es derweil geschäftig zu. Die Krawattenotter tragen eilig ihre Laptoptaschen durch die Bahnhofshalle. Sie haben es so eilig, weil sie bei Nachtanbruch erst in ihren kargen Appartements ihre schleimigen Schutzhäute abstreifen müssen, bevor sie sich auf den Weg ins Fitnessstudio machen können.
Ein Rudel Punker lungert auf der Treppe vor dem Haupteingang herum, spielt mit Bierdosen und Hunden, bellt Passanten an und bettelt um Zigaretten. Höhnisch jaulen sie den Krawattenottern hinterher.
Die stolzen Businesslöwinnen interessiert das Treiben nicht. Sie gehen unbeirrt ihrer Wege, ihre spitzen Hufe klappern über den Bahnhofsboden und ihre prächtigen Mähnen wehen im lauen Abendwind. Eine Businesslöwin bringt in der Regel nur 1,3 Junge im Laufe ihres Lebens zur Welt. Gegen männliche Revierrivalen geht sie gnadenlos vor und ist ihnen ein ebenbürtiger Gegner.
Am Westeingang jeansinstiefelt eine Gruppe Hipsterweibchen heran. Die Hipstermännchen in der Bahnhofshalle haben die Gruppe natürlich bereits erspäht. Schnell werfen sie sich in Pose, klappen ihre Hemdkragen hoch und beginnen spielerisches Balgen, um die Weibchen zu beeindrucken. Die Hipsterweibchen zeigen sich jedoch uninteressiert an dem Treiben, zumindest hat es den Anschein. Doch das ist alles nur ein Teil des Brunftrituals.
Ein Männchen tritt schließlich mutig vor und beginnt sein Brunftgegrunze. Die anderen Hipstermännchen warten in seiner Deckung. Tatsächlich löst sich eines der Weibchen aus ihrer Gruppe und nähert sich dem grunzenden Männchen.
Es wartet.
Da, ein erstes Lächeln von dem Männchen in der Röhrenjeans! Ob das wohl gut geht?
Nein, das war wohl zu früh! Das Weibchen verliert das Interesse und jeansinstiefelt zurück zu ihrer Gruppe.

Langsam füllt sich die Stadt. Aus allen Richtungen strömen die Nachtschwärmer heran und verschwinden in Rudeln, in Pärchen oder einzeln in die Nacht. Manche gehen jagen. Manche suchen einen Partner. Und manche suchen einfach einen Platz für die Nacht oder streifen umher.
Und in einem Hinterhöfen irgendwo miaut es vor einer Terrassentür. Aus dem Dunkel der Wohnung greift eine Hand an den Griff und lässt die Stadtkatze zu sich ins Zimmer. Die Geräusche von Nachtleben, von Kultur und Miteinander dringen herein. Doch das scheue Bloggertier schließt schnell wieder die Tür und zieht sich in die schützende Nähe seines Computers zurück, um darüber zu schreiben.

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6 Gedanken zu “Text 60: Die Nachtschwärmer (anlässlich von Das Letz Niest VI)

  1. Wow!
    Ich finde den Text sehr schön. Ich kann mir das richtig in meinem Kopf vorstellen. Ich habe jetzt nichts beizutragen, wollte aber einfach nur mal sagen, wie sehr ich diesen und andere Beitrage schätze.
    Vielen, vielen Dank!
    Nils

  2. Krass! Der Text würde sich gut in Brehms (Tier)Nachtleben machen. Prof. Grzimek wäre schwer beeindruckt und stände schon mit gezückter Kamera bereit. Jedenfalls sehr unterhaltsamer Text!
    Danke Du Wortspieler!

  3. “kam schließlich am Abend ganz gut an” ist böse untertrieben. Alte Damen schluchzten, junge juchzten. Einzelne Besucher knieten nieder zum Gebet, in der letzten Reihe wurden Schlüpfer ausgezogen. Eine Nichtveröffentlichung dieses Textes hätte eine Selbstmordserie in Tübingen ausgelöst.

  4. Pingback: eldersign.de » Blog Archiv » Kriminelle, Stars und scheue Tierchen (DLN6)

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