Da hat Hölderlin seinen Verstand verloren, sagt er und zeigt auf ein Gebäude am Ufer. Es ist früher Nachmittag. Die Sonne scheint. Das ist also Tübingen, denke ich und ziehe die Sonnenbrille auf. Ich sitze in einem Stocherkahn auf dem Neckar, und wenn Markus nicht gefragt hätte, würde ich noch immer denken es sei der Rhein.
Sechzehn Stunden zuvor sitze ich schwitzend in Essen und kann nicht schlafen, seit zwei Tagen nicht. Zwischen meinen Fingern Zigaretten, auf dem Fußboden Texte, auf der Uhr bald Abfahrt. Und in meiner Brust der Trommelwirbel vor der ersten Lesung, die ich nicht abgelehnt habe.
Ich kann nicht schwimmen, doch das sage ich nicht und die Angst vor Booten schweige ich aus. Ich schwitze in Litern. Das ist die Hitze, sage ich und versuche zu vergessen, wo ich bin. Ich will es nicht anders. Ich esse Kuchen, er ist gut, das lenkt mich ab. Wir rammen Boote, wir lachen, mein Herz setzt aus.
Acht Stunden zuvor sitze ich im Zug und schreibe einen neuen Text, unter meinem Sitz finde ich ein Buch, blättere es durch. Es ist neu, ich stecke es ein. Hinter Koblenz erkenne ich jenseits der Zugfenster Orte wieder, an denen ich J. fotografiert habe, Jahre zuvor, auf unserer letzten Reise. Wir fahren in Nebel. Bis Mannheim ist der neue Text fertig und ich bin zufrieden.
Es ist mein erster Sommertag des Jahres, und es ist Anfang Oktober. Ich sitze mit meinen Texten im Garten im Schatten und rauche und es fühlt sich an wie Urlaub. Das Haus meiner Gastgeber ist ein Paradies aus Fachwerk, aus Büchern und Kinderzeichnungen und Weinreben auf dem Balkon. Ich bin nicht Fremder hier und nicht einfach Gast, sondern willkommen und freundschaftlich umsorgt und fühle mich wohl. Mein Gästezimmer ist eine kleine Bibliothek.
Ich rede mit Markus, wegen dem ich zugesagt habe, und schon er ist die Reise wert. Sein Blog lese ich lange, ein paar Emails haben wir geschrieben. Tatsächlich ist er die erwartete Person, ganz ohne die Maske der anderen Blogger, die ich kenne und zu denen auch ich mich zähle. Er ist seine Texte. Man hört im gern zu, wenn er spricht.
Umsteigen in Stuttgart, eine Reinigungskraft kehrt Scherben, Bier und Kotze aus dem Abteil auf das Gleis. Es plätschert und klirrt. Die Fahrgäste müssen warten. Das Innere stinkt, der Boden schäumt und schwappt und klebt noch immer, geplatzte Flaschen und Becher und Gläser überall. So etwas wie Oktoberfest, erklärt ein Mann, da war der Zug vorher. Auf dem Fußboden ein Lebkuchenherz, Du bist die geilste Sau der Welt, zerbrochen und vollgesogen, die Reinigungskraft kehrt es weg. Ich will mich hinsetzen. Die Sitze sind nass und verdreckt.
Ich bin nervös. Irgendeine Pizzeria. Weniger als zwei Stunden bis zur Lesung. Ich esse, weil ich irgendetwas tun muss und nicht mehr sprechen kann. Meine Hände zittern. Irgendwo jault ein Kind, beruhigt sich und jault wieder, beruhigt sich und dann wieder von vorn. Sie erzählen von den Lesungen davor, von den anderen Gästen, besonders von einem Duo. Vollkommen wahnsinnig, sagt er. Gut, aber vollkommen wahnsinnig, absolut irre, vollkommen durchgeknallt, es war ein Riesenspaß.
Die Fahrt durch Tübingen vom Bahnhof aus, ein erster Blick auf die Stadt. Sieht aus wie Marburg, nur schöner, fast wie Heidelberg, nur kleiner, ein bisschen wie Meersburg, nur echter. Es erinnert mich an meine Heimat, nur sieht es weniger bedrohlich aus. Viele Blumen, viele junge und jung aussehende Menschen. Neben der Bundesstraße außerhalb der Stadt grasen Pferde. An den Hängen Streuobstwiesen, eine Landschaft voller Apfelbäume, mit Früchten überladen, Apfelbäume noch am Straßenrand, Apfelmatsch auf dem Asphalt.
Theatervorraum. Stühle. Ein Tisch auf einem Podest zwischen Scheinwerfern, ich sehe Markus Blick und weiß, so sehe ich auch aus, wir halten Abstand zur Bühne. Noch eine Stunde, doch es ist bereits gut gefüllt. Rauchen auf der Terrasse, ich rauche eine halbe Schachtel. Mein Vater ruft an, ich drücke ihn weg. Ich scherze über Fluchtaktionen, laufe ziellos hin und her. Markus lächelt, wir trinken stilles Wasser und setzen uns ganz nach hinten und lächeln beide mit klebrigen Händen. Das Singen des Ticket-Druckers am Eingang. Er singt über achtzig Mal. Ich kenne drei Gesichter.
Dann fängt es an. (…)
Der junge Araber im Gang ist seit Frankfurt nicht von meiner Seite gewichen. Ich erkläre ihm mit Gesten noch einmal, dass er eine Station warten und die Station danach aussteigen muss, er eilt seit zwei Stunden bei jedem Halt zur Anzeige im ICE und fragt mich, ob das schon Dortmund sei. Er trägt nur ein T-Shirt, hat kein Gepäck und sieht ängstlich aus. Wenn er Deutsch gesprochen hätte, wäre ich um eine schwere Geschichte reicher, das ist ihm anzusehen. Er wiederholt: Du hier Essen, Bochum nicht aussteigen, dann Dortmund, lächelt, dann gibt er mir die Hand und sagt Tschüss. Ich steige in Essen aus. Es ist Nacht.
Die Luft ist stickig, meine Gastgeber lesen während ihres Teils etwas vor, dem ich nicht folgen kann. Es ist Schwäbisch und Lampenfieber. Markus lächelt mich aufmunternd an, ich lächle Markus aufmunternd an. Er wird vor mir lesen, wischt seine Hände an seinen Oberschenkeln ab. Das Publikum besteht fast nur aus Familie und Freunden der Mädchen mit dem Tübingen-Song. In der Reihe vor mir ist während der ganzen Lesung ein Handybildschirm mit abwechselnd Twitter und Favstar zu sehen, der Kopf bleibt über das Display gebeugt. Unbeteiligt. Uninteressiert.
Ich wasche auf der Toilette im Zug Kotze aus meinen Haaren, von meinem Hals und und von der Schulter. Der Magensaft stinkt nach Schnaps. Draußen im Gang gröhlt die Frauengruppe mit den “Zickenstube”-Shirts, die seit Stuttgart andere Fahrgäste bei ihrer ständigen Suche nach freien Plätzen anrempelt und beleidigt, Trinklieder und lässt den nächsten Sekt unter Johlen knallen. Der Zug ist so überfüllt, dass man kaum auf dem Boden sitzen kann. Der fette Kerl, der erst auf mich gefallen ist und mir kurz darauf von oben auf den Kopf gekotzt hat, donnert gegen die Tür, er müsse noch einmal hinein, ich soll mich gefälligst beeilen. Von den anderen Leuten im Gang kein Wort, nicht als er mich vollkotzt, nicht als er mich beschimpft, nicht jetzt. Sie schauen mich nur genervt wegen den Gestanks an. Noch drei Stunden Fahrt bis Essen. Ich habe für dieses Ticket 118 Euro bezahlt.
Markus auf der Bühne. Er liest drei Texte, ich kenne zwei davon. Ich schaue mich in den Gesichtern um, sie brauchen ein paar Minuten, steigen erst nach einem Text wirklich ein. Die Älteren zuerst, die Jüngeren später. Ich greife nach meiner Textmappe und ersetze den letzten ernsteren Text durch einen lockeren und ändere die Reihenfolge. Eines der Textblätter wellt sich unter meinen Griff und bleibt an meiner Handfläche kleben.
Ich sitze in Stuttgart auf einer Wiese in jenem Park, den man aus den Nachrichten kennt. Auf dem ersten Stück Rasen vom Bahnhof aus stehen Holzkreuze mit Namen und Kerzen und Blumen liegen davor. Transparente und Bettlaken überall. Hunderte Personen. Hippies und Grüne und ganz alltäglich aussehende Menschen in Zelten und in den Bäumen. Kinder spielen Ball. Eine alte Frau sammelt Müll und Flaschen ein, sie beugt sich vorsichtig und verzieht das Gesicht, aber sie macht immer und immer weiter. Viele Ältere, jeder fasst mit an. Der Park wurde zurückerobert, er wurde mit Wut und Blut verteidigt und gehört nun den Menschen hier und man spürt es. Man spürt, wo man sitzt. Hier schlägt ein kräftiger Puls unter dünner Haut. Das ist kein Park mehr, das ist ein Symbol, und es ist einschüchternd und erhebend.
Ich sitze nicht allein. Ich streite über die Reste meiner Beziehung.
Pause. Vier neue Kurzmitteilungen. Ich drücke sie ungelesen weg. Mein Vater ruft wieder an. Wie es denn war. Ich belle ins Telefon, dass ich zurückrufe und schalte es aus. Markus holt sich Bier und zieht blaue Gauloises aus der Tasche. Wir rauchen zusammen. Er erwähnt, dass es heiß unter den Scheinwerfern ist. Mir brennt bereits draußen auf der Terrasse Schweiß in den Augen. Bevor ich mich setze, begrüße ich zwei der drei Gesichter. Sie sind wegen mir gekommen.
100 Meter Felsabbruch unter unseren Füßen, etliche Kilometer Blick in die Landschaft, noch zwei Stunden bis zur Abreise. Nationales Geotop am Hirschkopf, ein letzter Ausflug am Mittag. Bei jedem Schritt im Wald stößt der Schuh an Brocken weißen Kalksteins, die wie glatt geschnitten wirken. Darüber buntes Laub. Sonne. Auf dem Rückweg Äpfel vom Baum einer Streuobstwiese.
Martha und Frauke auf der Bühne. “Tübingen, warum bist du so hügelig?” Weit über 100.000 Klicks auf YouTube. Sie zeigen ihr Musikvideo, ich kenne es nicht und lache während ihres sympathischen Auftritts so laut, dass meine Anspannung verfliegt. Interviews von regionalen Radiosendern bis hin zu Spiegel Online, dann erst ein halbherziger Artikel in der lokalen Presse, die sich zuvor für das bereits national bekannte Phänomen zu schade war. Ihr Bericht, entlarvend und witzig. Beeindruckend Ihr Humor im Angesicht derber Kommentare bei YouTube. “Wie hat die Fette überhaupt ins Bild gepasst?” Das Publikum schluckt, sie tragen es lächelnd vor. Zu jedem Kommentar die Nutzernamen, Perlen wie FrankDerDichBangt und Bullenglied, ich bin rot im Gesicht vor Lachen, als sie die Bühne verlassen. Hinterher sind sie zu schnell verschwunden. Ich hätte gern mit ihnen gesprochen.
Ich werde angekündigt. Ich gehe zur Bühne. Ich lese. Das Publikum ist so freundlich wie versprochen. Es macht Spaß.
Der Abschied sind eilig geschüttelte Hände und schnelles Lächeln am Hauptbahnhof. Markus und ich fahren zeitgleich ab. Ich bedanke mich, tatsächlich habe ich alles genossen, auch die Fahrt mit dem Stocherkahn. Mehr Kurzurlaub bei Bekannten als Lesung bei Fremden. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal eine Lesung machen werde, antworte ich auf der Fahrt zum Bahnhof, ich schreibe eigentlich Texte zum Lesen, nicht aber zum Vorlesen, der Unterschied ist mir schon während der Vorbereitung klar geworden. Und es zieht mich nicht auf die Bühne.
Doch sollte ich noch einmal lesen, wird es schwer sein, Tübingen zu übertreffen oder sich überhaupt damit zu messen. Ja, vielleicht wäre das Publikum größer. Vielleicht wäre die Aufregung vorher weniger. Vielleicht, wahrscheinlich, womöglich, doch ganz sicher würde es sich weniger privat, weniger freundschaftlich anfühlen als Das Netz Liest VI.
Danke Uli und Familie. Danke Wolfgang.
Danke Markus.
Danke den drei Leuten, die wegen mir gekommen sind.
Danke Martha & Frauke.
Danke Publikum.
Danke Tübingen.
Schwäbisches Tagblatt… Schämt Euch!
Dankeschön.
Hey,
Danke, dass du auf die Sonnenbrille verzichtet hast. Du kamst echt seriös rüber
Es war eine super Lesung, und auf jeden Fall bei deinen eigenen Texten hast du echt ein Talent zum Vorlesen.Übrigens kommen gerade die humorvollen Texte gelesen doppelt so gut an. Es wäre echt großartig, wenn du dich in Zukunft noch ein paar Mal zu solchen Lesungen überreden lassen würdest.
Gruß
Lieber hoch21!
). Hatte die Lesung einer Freundin zum Abschluss eines alten bzw. Beginn eines neuen Lebensabschnitts geschenkt, und sie fand’s auch super. Der Text oben ist toll, schön, dass es Dir im hügeligen Tübingen so gut gefallen hat. Vielleicht hört man Dich ja mal wieder hier (jeden Tag eine mutige Tat!). Grüße von der Streuobstwiese, die aktuelle
Ich war bei der Lesung und es hat richtig Spaß gemacht (die Aufregung war kaum sichtbar
Roman Held auf der Bühne. Der erste, dem wir wirklich aufmerksam zuhören können, denn unser Auftritt ist gerade vorbei, noch dazu viel besser, als zuvor fingernägelkauend ausgemalt. Wir „kennen“ Roman Held erst seit einem Tag zuvor, als wir bis in die späte Nacht, als Ablenkung vom Lampenfieber, beeindruckt über seinem tosenden Getwitter hingen. Er und auch Markus Seifried scheinen Koriphäen in der uns so unbekannten Twitterszene zu sein. Wir wissen weder, wie erfürchtig man solchen Twitterszenenkoriphäen (im folgenden „TSK“) gegenüber ist, noch wie diese und unsere Gastgeber „so sind“. Der uns bedenkende Familienbesuch ist leider fast ebenso selten wie Begegnungen mit besagten TSK, deswegen ist die Gesellschaft für den Stadtbummel vor – und das Bier nach – der Lesung schon anderweitig angesetzt. Umso angetaner sind wir, zu sehen, dass dieser spezielle TSK nicht nur, wie auf Twitter zu lesen ist, lässig und schön böse sein kann, sondern vielmehr ein feiner Kerl zu sein scheint, der eher zusätzlich als hauptsächlich schön böse sein kann. Bei seiner liebevollen Abhandlung über die Spezies der Hopfentaucher und der Emomännchen mit pink-schwarzem Gefieder liegen wir heulend vor Lachen auf unseren Stühlen.
Sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg mäht er zielsicher mit höchstmöglichem Lärmpegel herumstehende Bierflaschen um und unterlegt damit seinen guten Eindruck.
Dementsprechend fröhlich sind wir über die Erwähnung in seinem Blog ein paar Tage später. Noch fröhlicher über die Blumen und die Perspektive dieser TSK zu dem auch für uns so schönen Abend. Weiter auch ein bisschen fröhlich über den Wink mit dem ganzen Gartenzaun in Richtung Schwäbisches Tagblatt, was wohl hinsichtlich uns einiges nachholen zu müssen glaubt und darüber nicht merkt, dass es den Fehler hinsichtlich der wunderbaren Mitleser dieses Abends inklusive TSK und toller Gastgeber wiederholt.
Hätten wir noch ein wenig Zeit gehabt, hätten wir weg von all diesem gefragt, ob der Roman(-)Held denn sein wirklicher und wahrhaftiger Name ist, uns gefreut, dass ihm Tübingen trotz oder gerade wegen der Hügel gefällt und jeden Zweifel an der Wirkung von seinerseits vorgelesenen Texten abgetan!
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