Text 58: Im Wartezimmer

Ich saß im Wartezimmer und beobachtete das Mädchen, wie es mit Bauklötzen aus der Kinderecke spielte. Wie es sie über den Boden rollte. Sie sich in den Mund steckte. Sie wieder über den Boden rollte, ihrer gleichgültig eine Frauenzeitschrift lesenden Mutter in den Schoß legte, wie die Mutter den Bauklotz, freilich ohne merklich aufzuschauen, zurück in die Spielzeugkiste warf und die Tochter ihn dort wieder herausfischte, kurz mit ihm auf das Feuerwehrauto schlug und ihn sich wieder in den Mund schob.
Ich hatte im Kopf überschlagen und war auf 26 virale und bakterielle Infektionen gekommen, die das Kind in den vergangenen fünf Minuten von dem gelben Baustein gelutscht haben musste, zwölf davon mit Sicherheit tödlich. Hepatitis A, Staphylokokken, ja vielleicht sogar Tollwut. Vielleicht war ein Jäger wegen einem Kratzen im Hals direkt aus dem Wald in die Praxis gekommen und hatte an den Stiefeln ein bisschen Tod mitgeschleift. Alles war möglich. So oder so, das Mädchen war bereits ein Inkubator des regionalen Best Ofs an Rotz und Durchfall. Ich sah es bildlich vor mir, wie zwei Ärzte die Mutter in einer Woche in einem Krankenhausflur fragen würden, ob die kleine Susanne oder Vivien oder Chantal-Marie-Claire-Brigitte-Freundin-Bild der Frau kürzlich mit dem Kadaver eines Wildschweins gespielt habe, vielleicht im Garten. Ich überlegte, ob ich ihr sagen sollte, dass sie ihrer Tochter bei solcher Unachtsamkeit ebenso gut eine Pistole an den Kopf hätte halten können, doch da wurde ich bereits aufgerufen und in ein Behandlungszimmer geführt.
Wie oft duschen sie, fragte der Arzt, nachdem er das Problem begutachtet hatte. Täglich, sagte ich. Warum?
Er zuckte mit den Schultern. Nun ja, sagte er, weil Sie sich Krätze eingefangen haben! Die bekommt man nicht so leicht!

4 comments
  1. hoch21 said:

    Bevor mich noch jemand anschreibt und mir Tipps gibt, wie ich Krätze wieder los werde: Ich habe keine Krätze! Der Text hat keinen realen Hintergrund! Dennoch Danke für die Tipps, sollte ich doch mal Krätze bekommen, weiß ich jetzt Bescheid!

  2. Ach, Dreck reinigt den Magen… Oder so!

  3. Die Grenze der Trivialität oder das Bedürfnis nach Entwicklung:
    Allgemeinplätze sitzen sich für die Allgemeinheit komfortabel, denn die Sitzfläche ist bekannt und auch vorgewärmt. Im Speziellen jedoch schon fast wieder unbequem, denn diese speziellen Sitzhaltungen lassen sich nur schwerlich in das eingeformte Polster drücken.
    Wenn sich da nicht das Bestreben aus diesem Eindruck der Allgemeinheit einen komfortablen Platz zu machen, entwickelte.

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