neues Dings

Ein M̶a̶c̶ Shitstorm für hoch21 oder Was ich von dem Twitkrit-Skandal um mich halte

“Let me just begin by saying there are two sides to every story and this is my side …the right one.”
- Olive Penderghast, Easy A

Für alle, die gerade erst zugeschaltet haben, gestern Abend hat Kollege mspro auf Twitkrit zu einer Spendenaktion für mich aufgerufen, das Ziel sind horrende 2500€ für einen möglichst umfangreichen Mac. Und dann brach die Hölle los.
Ich erfuhr per SMS davon. Obwohl das nicht ganz stimmt, ich erfuhr per SMS nicht von der Aktion, sondern davon, dass ich aufgrund irgendeines Eintrags bei Twitkrit gerade öffentlich geschlachtet werde. Da dachte ich noch, ich hätte irgendetwas verbrochen. Ich lieh mir den Laptop meines Mitbewohners und aus dem Netz kippte mir Meinung entgegen, viel Meinung. Hier ist nun meine:

Die meisten Leute scheinen mittlerweile verstanden zu haben, dass ich mit dieser Aktion nichts zu tun habe, sie wurde ohne mein Wissen und ohne meine Zustimmung gestartet und zeigt, das zwischen anscheinend guter Absicht und Rufmord eine sehr feine Linie verlaufen kann. Ich hatte weder die Idee zu dieser Aktion, noch war ich irgendwie daran beteiligt. Es stimmt jedoch, dass es vor zwei Wochen eine dementsprechende Idee in den Replies gab, als ich erwähnte, dass ich ohne Hardware da stehe. Und tatsächlich war grob geplant, dass ich zusammen mit Manuel Braun (@manumelm) keine Spendenaktion, sondern eine Art Online-Versteigerung veranstalte, bei welcher der Erlös 40:60 in einen brauchbaren neuen Mac mini für mich und hauptsächlich in ein Frauenhaus oder die Kinderhilfe fließen sollten. Daraus wurde aus Zeitgründen jedoch nichts (An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Glückwunsch an Manuel zu seiner neuen Position!) und damit war das Thema erst einmal vom Tisch. Dabei wäre es wohl auch geblieben, doch dann schritt mspro ungefragt und publikumswirksam zur Tat.
Ich habe mir das bisher in Ruhe angesehen, da jedwede unmittelbare Reaktion von mir ohnehin im Sturm untergegangen wäre, und ich denke, dass wir alle Teil einer klugen Inszenierung geworden sind. Ich glaube, dass viele von Euch das auch bereits wissen. Ganz nach dem Motto „Any publicity is good publicity“ beschäftigen sich mittlerweile statt ein paar hundert mehrere tausend Menschen mit der Aktion und besonders mit den an der Aktion und an der Diskussion beteiligten Leuten. Das Publikum könnte kaum größer sein. Je größer die Menge der Zuschauer bei einem Autounfall ist, desto mehr Fotos werden gemacht und desto mehr wird darüber gesprochen. Manche speien Gift und Galle, manche spotten, aber einige spenden eben auch. Und Tausende klicken und bescheren allen involvierten Personen und Seiten zwar Entrüstung, doch hauptsächlich Klicks und wachsende Popularität. Wäre dies ein Wettbewerb um Publikumswirksamkeit, wäre die Aktion durchaus gelungen.
Nun, leider ist sie das nicht wirklich.

Ich kann den Sturm der Entrüstung über die moralisch fragwürdige Aktion gut nachvollziehen und sehe das ähnlich. Doch da ich gerade von Menschen, die mich überhaupt nicht kennen, an verschiedenen Orten im Netz als rücksichtslos luxusgeil verschrien werde, möchte ich zu dieser Diskussion um meine moralische Gesinnung auch etwas Persönliches beitragen:
Ich selbst trage von Freunden gespendete Kleidung und war schon mehrfach an Monatsenden Gast in der Suppenküche, wenn ich nicht hungern wollte. Ich sollte vielleicht abgehärtet sein, doch das Gefühl, anderen etwas wegzunehmen, ist bisher nicht verschwunden. Ganz im Gegenteil. Denn es gibt immer Menschen, die noch weniger haben und denen es wirklich schlecht geht. Es gibt immer Menschen, die dringend brauchen, was ich längst noch habe. Und je länger man auf so etwas angewiesen ist, desto schlimmer fühlt es sich an.
Ich bekam vor Jahren einen gebrauchten Mac geschenkt, weil ich keinen Computer mehr hatte, und habe seitdem gezwungenermaßen alle Software, besonders gekaufte, und damit auch Daten in nicht immer in Windows übertragbaren Formaten. Das ist keine Begründung, um einen neuen Mac zu brauchen, doch es war Grund genug für mich, das kürzliche Dahinscheiden meines Macs öffentlich zu betrauern. Mehr habe ich nicht getan.
Ich habe wenig außer diesem Mac. Ich lebe am Existenzminimum, wie man das nennt. Ich besitze kein iPhone, kein iPad, keine Mobilfunk- oder mobile Internetflat, kein Auto, keinen Fernseher, keine Stereoanlage, keine Spielekonsole, keine Fahrkarte für den ÖPNV, kein Fahrrad und keine Markenkleidung, sondern eine feuchte und verschimmelte Wand im Wohnzimmer in einer kleinen Wohnung in einem sozialen Randgebiet in Essen, drehe jeden Cent um und wenn ich krank bin, kann ich manchmal nicht einmal zum Arzt, weil ich weder die Praxisgebühr, noch den Kassenzuschlag für ein eventuelles Medikament bezahlen kann. Vor zwei Jahren habe ich noch studiert, Lehramt, ich bin hochbegabt und habe über 10.000 Follower bei Twitter, weil ich mit schwarzem Humor auch meine eigene Situation behandle und Menschen das amüsant finden, doch das nutzt mir nichts, dafür bekomme ich nichts. Was ich habe sind Bücher, Freunde und bis vor zwei Wochen einen Computer, zufälligerweise ein alter Mac mini.
Luxusgeil, ich? Klar, ich schwelge darin!

Wenn Ihr mir wirklich helfen wollt, helft mir bei der Suche nach einem vernünftigen Job, spendet mir ein Vorstellungsgespräch. Mich hält in Essen nichts, ich würde gern gehen, wenn da nicht neben vielem anderen auch der Umzug wäre und damit verbundene Kosten. Ich würde wenig lieber tun, als mir meinen Computer irgendwann selbst kaufen, denn ich habe diese Art zu leben satt. Doch das ändert wenig. Und ich hoffe für jeden von Euch aufrichtig, dass Ihr nicht versteht, was das bedeutet, weil Ihr in einer anderen Welt lebt als ich.
Dennoch, diese Aktion hier stinkt. Und ich will das Geld nicht. Aber auch hier ist es wieder nicht ganz einfach.

Neben wütenden Mails mit allerlei Beschimpfung trafen gestern auch Nachrichten eben jener Leute ein, die tatsächlich gespendet haben. Und die mir versicherten, dass man sie nicht gezwungen hat, diese Spende zu geben. Einige davon kenne ich und sie kennen mich, manche mögen mich sogar, doch viele davon kenne ich nicht. Wiederholt wurde betont, dass ich dieses Geld nehmen soll, ungeachtet der Entrüstung über die Aktion, denn dafür haben sie es ja gespendet. Und noch immer möchte ich das nicht. Nicht so. Andererseits, wenn ich das Geld nun also einem guten Zweck zuführe, habe ich mit Spendengeldern vielleicht etwas Wichtigeres, Nötigeres finanziert als einen Computer, doch die Spenden fließen nicht in das, für das sie gegeben worden sind.

Ich will die Aktion nicht verteidigen, das kann ich gar nicht, doch ist es nun einmal so, dass das gespendete Geld nicht für einen anderen Zweck gespendet worden ist. Ich bezweifle, dass irgendjemand derer, die für einen Mac für mich gespendet haben, dies getan hat, damit das Geld für einen anderen Zweck gespendet wird. Das wäre widersinnig. An der Aktion kann, darf und sollte man also Kritik üben, die Diskussion, nicht nur über solche Aktionen, sondern auch über diese im Speziellen, ist sogar wichtig, denn das alles ist eine gewaltige Show, die unter dem Deckmantel guten Willens möglichst wild lodern und Aufmerksamkeit anziehen soll, doch an den tatsächlichen Spenden ändert das nichts, es ist kein Blutgeld, und insofern hat mspro mit seiner Argumentation auch recht. Ich würde gern die Summe am Ende gesammelt weggeben, aber das kann ich auch nicht tun, dann setze ich mich über die Motive jener hinweg, die gespendet haben, und das wäre auch nicht moralisch korrekt. Also habe ich Folgendes beschlossen:

Ich habe das so nicht gewollt. Ich freue mich über manchen der Gedanken dahinter, auch wenn ich eine Umsetzung wechselseitiger und weniger radikal und manipulierend bevorzugt hätte. Aber ich werde sicher auch nicht ablehnen, wenn jemand tatsächlich spenden möchte. Ganz im Gegenteil, ich freue mich, sehr sogar. Ich werde das Geld also annehmen, doch jeden Cent über dem, was ich für einen Mac MEINER Vorstellung brauche, gnadenlos an eine Organisation spenden, die Frauen und/oder Kinder, die Opfer von Missbrauch wurden, unterstützt. Danach werde ich in den nächsten Wochen Ausschau halten und den genauen Zweck dann bekanntgeben, doch die Richtung ist damit vorgegeben: Frauenhaus oder eine Organisation, die Opfer von sexuellem Missbrauch unterstützt. Und das werde ich transparent machen, so dass jeder nachvollziehen kann, was wo gelandet ist.
Dankenswerterweise haben viele Leute sich umgehört und mir Angebote für gebrauchte Macs geschickt, und ich gehe davon aus, dass ich auch so einen letztendlich kaufen werde, denn da sind tolle Geräte dabei. An dieser Stelle Danke an alle, die mir eben diese Angebote geschickt haben!

Jetzt kann man mir gern sonst eine Gier und jede Verkommenheit vorwerfen, es steht jedem frei und viele machen gern davon Gebrauch, doch verglichen mit dem, was ich in den vergangenen zwölf Stunden an geschicktem Schaustück und wirksamer Eigenwerbung vieler Menschen auf meinem Rücken und mit meinem Namen im Dreck habe austragen lassen müssen, halte ich meine Motive nicht für die schlechtesten in diesem Inferno. Und das ist übrigens mein letztes Wort zu dieser Diskussion. Ich bin genug Marionette.

Danke an alle, die mitmachen.
Und wenn @hoch21 nicht nur eine Rolle wäre, ein zwischenmenschlicher Terrorist, sondern eine reale Person und mit all dem konfrontiert, würde er es wohl, im Gegensatz zu mir, in einem Satz auf den Punkt gebracht haben:

Ich bin so dankbar, ich könnte @mspro erschießen!

In diesem Sinne. WTF. OMG. FML.

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