984 Emails. Neunhundertvierundachtzig. Ich wusste nicht einmal, dass es so viele Menschen im Internet gibt, scherze ich am Telefon, doch das ist viel später. Zuvor ist nichts davon amüsant, es ist ernst, es beginnt mit Lieber Roman-Mir ist nichts zu billig um Aufmerksamkeit zu bekommen-Held und endet drei Tage später mit Danke, dass es Dich gibt.
Zu deiner Information, so lautet der ganze an mich gerichtete Text der Email, der Rest ist ein Nachrichtenwechsel. Und wieder komme ich nicht umhin, ihren Stil zu bewundern. Selbst als Arschloch ist ihre Wortwahl erhaben auf das Nötigste reduziert.
Sie kratzt an der Tapete, lehnt sich aus dem Fenster und betrachtet den Riss in der Fassade. Dahinter ist Schimmel, sagt sie knapp und zeigt auf die braunen Stellen an der Wand, das muss alles weg. Reißen Sie die Tapete runter und waschen Sie den Schimmel ab. Ich frage, wann die Fassade repariert wird. Sie zuckt die Schultern. Das kostet ja auch alles Geld.
Mehr Emails derjenigen, die gespendet haben. Der Refrain lautet: Wir haben nicht gespendet, damit Du das Geld weg gibst. Und ja, ich bin eingeknickt, er hatte recht, aber ich habe auch nie darum gebeten. Schon vier Nachrichten von Menschen, die krank sind, und von Vereinen, die das Geld gern hätten. Und sicher gebrauchen können. Scheiß auf die Leute, schreibt sie, es ist Dein Geld, sei klug. Ich lache. Klug.
Fünf Tage später beantworte ich noch immer Emails, schreibe Nachrichten auf Facebook zurück und gehe auf Direktnachrichten bei Twitter ein. Und bin doch noch immer am ersten Tag der Aktion. Mittlerweile treffen Folgenachrichten auf Angebote ein, sich für mich nach einem Job umzuhören. Weil ich nicht geantwortet habe.
Es ist aber nun einmal so, schreibe ich in eine der Antworten auf die Folgenachrichten, dass ich mit meinem Statement so viel aus meinem Leben geteilt habe, dass ich nicht mit einem weiteren Text, der meine Ausbildung und meine Vostellungen und Hoffnungen bezüglich eines Jobs beinhaltet, mich den Geiern, die mir über die netten Nachrichten hinaus versucht haben, verbal tiefstmöglich einen reinzuwürgen, ausliefern möchte. Auch meine Mitteilsamkeit hat Grenzen. Ich werde mich nicht auch noch damit öffentlich ausstellen.
Welchen Tweet ich dann doch nicht schreibe: Kann ich mich jetzt bitte wieder anziehen?
Montag Stechen, Dienstag Schmerzen, Mittwoch Morgen kann ich den rechten Arm nicht mehr bewegen, mein Schultergelenk schwelt wie ein Kohlefeuer unter Tage und ich weiß, was es ist. Schultergelenkentzündung, sagt der Arzt. Ich habe viele Emails geschrieben, sage ich, während er meinen Bludruck misst. Zu hoch, natürlich. Dann telefonieren sie in den kommenden Wochen mal wieder häufiger, sagt er. Und ich frage ihn nur eine Frage, ich komme mir witzig vor. Ob ich onanieren darf. Er sieht mich an, als würden Käfer aus meinem Gesicht schlüpfen. Don’t wory, Sir, I’m from the internet!
Morgens Aspirin. Abends Rotwein.
Der Postmann stellt das Paket zwischen uns auf den Boden und reicht mir den Stift für die Unterschrift. Vor meinen Füßen steht ein MacBook, mein MacBook, mein Herz rast schon seit dem Klingeln und ich schwitze. Meine Hände zittern so stark, dass meine Unterschrift aussieht wie eine zappelnde Ente. Und in diesem Moment hat er recht, all die Kritik verblasst, der Druck der letzten Tage ist verschwunden, und ich kann nicht einmal mehr lächeln, so sehr freue ich mich. Ich starre das Paket beinahe eine Stunde an, bevor ich mit dem Teppichmesser das Klebeband durchtrenne. Er hat eine Tasche dazu gelegt und eine Maus. Ich besitze gern Dinge, die vorher jemand anderem gehört haben. Es fühlt sich besser an zu wissen, dass nicht ich schuld bin, dass es sie gibt.
Es ist fast so schön wie Er. Nachts liegt es neben mir im Bett. Kein Ding, sondern ein Symbol. Vor Monaten hatte ich eine Frage auf Formspring. Was ist Dein wertvollster materieller Besitz. Damals wusste ich keine Antwort. Heute finde ich die Frage naiv.
Die SMS, mit der es anfängt:
Wo bist du? Twitkrit sammelt Geld für dich! Hast du damit zu tun? In den Kommentaren führen sie sich auf, als würdest du Negerkindern das Essen aus dem Mund puhlen.
Sonntag das Interview, wir sitzen im Seitenblick und trinken Kaffee. Er ist teuer und schmeckt, als würde er stinken. Ich bin es gewohnt Menschen gegenüber zu sitzen, die enttäuscht sind, dass ich nicht so attraktiv bin wie auf den Fotos, doch dieses Mal enttäusche ich mit inneren Werten. Online zu maskiert, im Leben zu wenig exzentrisch und wahrscheinlich ohnehin zu freundlich. Man muss die Regeln kennen, um sie brechen zu können, erkläre ich. Ich bin zu erschöpft für Rollenspielchen. Schließlich streicht sie eine halbe Seite Fragen nach dem Einstieg durch, und dann machen wir Fotos. Als Entschädigung lasse ich mich unverdeckt fotografieren, doch ich scherze, dass ich gern einen Apfel oder eine Taube vor dem Gesicht hätte.