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Text 47: Fortbildung (Ein Protokoll)

Ein Fortbildungsinstitut in Deutschland.
Adobe InDesign CS5 Fortbildungsseminar.
Zweitägig.
856€ pro Person.

Tag 1
09:15 Uhr10:00 Uhr: Wir stellen fest, dass man Computer anschalten muss, damit sie brummen. Man muss aber den Bildschirm auch anschalten, damit man ein Bild sieht. Übung für Fortgeschrittene: Bei Windows anmelden. Ein Teilnehmer hat mitgebracht, was er an der Arbeit nicht beherrscht. Es ist ein Adobe Illustrator-Dokument. Unzufriedenheit macht sich breit, als die Seminarleitung ihn darauf hinweist.

10:00 Uhr10:30 Uhr: Windows fährt hoch. Wir stellen fest, dass Adobe InDesign CS5 nicht installiert ist. Der Computer einer Teilnehmerin macht einen Systemcheck. Panik breitet sich aus.

10:34 Uhr: Die Liste für das Mittagessen geht herum. Währenddessen spielt die letzte Reihe Spider Solitair. Die Seminarleitung schwitzt.

10:34 Uhr11:00 Uhr: Pause. Die beiden Russinnen fahren ihren Fiat Panda aus dem Halteverbot vor dem Institut und in die Tiefgarage. (Musse Auto umfahre! Du warte! Du Zigarette? Danke! Du warte hier!)

11:00 Uhr11:20 Uhr: Raumwechsel.

11:20 Uhr11:30 Uhr: Computer starten. Da keine Stühle vorhanden sind, Stühle suchen.

11:30 Uhr11:31 Uhr: Die Seminarleitung kündigt an, dass es nun losgehen kann.

11:31 Uhr11:45 Uhr: Der Illustrator-Bot vom Morgen unterbricht und möchte sein Illustrator Problem noch einmal “zur Sprache bringen”. Gekonnt ignoriert er die Einwände der Seminarleitung, es handle sich um ein InDesign-Seminar und er soll Illustrator-Probleme im morgigen Illustrator-Seminar ansprechen.

11:45 Uhr14:00 Uhr: Die Seminarleitung startet Adobe Illustrator. Alle Teilnehmer bis auf den Illustrator-Bot gehen in die Mittagspause bis 14:00 Uhr. Der Illustrator-Bot trägt Mokassins, Strickjacke, Brille, Übergewicht und arbeitet als Programmierer. Eine der Russinnen erzählt mir auf dem Flur von ihrem “E.T.”-Berater. Die Blumen auf dem Flur des Instituts sind aus Plastik. Kunstdrucke von Monet an den Wänden. Ich brauche eine Zigarette und einen Fluchtplan und einen Flammenwerfer.

14:30 Uhr: Ich öffne eine Dose Relentless Energydrink. Die Seminarleitung ermahnt mich, mich gefälligst zusammenzureissen und während des Seminars nicht einfach ein Bier zu trinken, eine Frechheit wäre das.

14:31 Uhr: Ich könnte ein- bis vierundzwanzig Bier vertragen, um mich wieder abzuregen.

14:50 Uhr: Das ist hier eindeutig kein InDesign-, sondern ein InSichRuhen-Seminar. Ich esse die Tischplatte. Vor mir wird der dritte Versuch gestartet, ein Dokument zu speichern.

15:50 Uhr: Seminarleitung: “Oh, schon so spät? Mensch, die Zeit rast heute aber!”
(Ja. Schnell wie ein Stein.)

15:53 Uhr: “Na das war doch ein ganz schön anstrengender Tag, nicht wahr? Aber wir haben ja auch viel geschafft!”. Lächeln. Nicken. Tasche packen. Jacke. Winken. Schleunigst türmen.

15:54 Uhr: Die Russinnen fangen mich am Aufzug ab und fragen, ob ich mitkommen möchte “wastrinkegelle”. Ich schaue auf die Uhr, eine nimmt meine Hand und schüttelt sie. Olga. Grüner Lidschatten. Rote Lippen. Ende 40. Nichts wie weg.

Blogzide


Blogzide, amtlich.

Text 48: Meine Deutschlehrerin hat mich gehasst.

Der Chef bat mich herein, um mir mitzuteilen, ich sollte doch noch einmal einen Crash-Kurs für Adobe Produkte machen, er habe da ein gutes Angebot an der Hand, und ich befürchtete schon ich würde mir schon wieder von einem breiigen Hobby-Informatiker Mitte Zwanzig in fleckigem Bryan Adams-Shirt und Jeans von NKD an der VHS zwei Tage lang demonstrieren lassen müssen, wie jemand mit Menschen umgeht, die ihm in einem Bereich tiefgaragentief unterlegen sind, der sein ganzes Leben aus zunehmend berechtigten Gründen Abtreter für andere war, sozusagen als grausames Experiment größtmöglicher sozialer Inkompetenz, und der weder die Vermittlungskompetenz, noch die Geduld besitzen würde, um sich mit den unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten und sogar Rückfragen einer Gruppe zu beschäftigen, doch die Kohle eben brauchen würde, damit er sich im Mai auf irgendeinem mit Nelken- und Pissegeruch überschwemmten Mittelaltermarkt handgeschmiedete Original Herr-der-Ringe-Sackleinenmantel-Verzierungen kaufen und darauf noch eine neue wassergekühlte Grafikkarte für seinen PC mit Linux-Partition leisten könnte, um von August bis März das neue World of Warcraft-Addon in Full HD durchzuspielen, doch der Chef lachte und schüttelte den Kopf und sagte Nein, es sei eine Frau, und sie würde sonst wohl sehr interessante Kurse über Pflanzenfotografie und Heilkristalle geben, aber vor drei Monaten hätte seine Frau bei ihr einen Kurs belegt, wo sie ein Wochenende lang nur Aquarelle gemalt hätten, und da hätte seine Frau mitbekommen, dass diese Frau bald auch einen Kurs für Adobe Photoshop und Illustrator anbieten würde, und vielleicht sei das ja auch etwas, es dauere ja nur zwei Tage, deshalb hätte er mich schon einmal angemeldet, und ich sollte nicht so aus der Wäsche schauen, so schlimm könnte es ja nicht werden, und ich dachte nur: KILL ME NOW!

Text 49: Bühne

Es ist 13:37 Uhr an einem Samstag Mittag. Das Zentrum der Aufmerksamkeit auf Gleis 2 des Bahnhofs ist der junge Mann mit der Akne eines Teenagers und dem grauen Mantel von H&M. Er läuft seit Minuten nervös am Gleis auf und ab und schaut immer wieder auf die Anzeigetafel vor der Treppe, auf der ein ICE aus Stuttgart in 28 Minuten angekündigt ist. Und als wäre die Zeit selbst unzuverlässig geworden und man müsste sie im Auge behalten, damit sie nicht binnen Sekunden eine halbe Stunde überspringt, springt sein Blick immer wieder von der Anzeigetafel auf die Bahnhofsuhr daneben, bevor er sich schließlich umdreht und dem weißen Strich ein paar Meter folgt, eine Hand am Mantel abwischt, als wäre sie feucht, und dann erneut die Zeit überprüft. Alle Augen folgen ihm. Paare tuscheln, halten Händchen. Niemand lässt ihn lange aus dem Blick. Ein unauffälliger Teenager mit gegeltem Haar und und erstem Flaum im Gesicht zwar. Doch der Blumenstrauß in seiner Hand, den er vor sich trägt wie einen Schatz, macht aus dem unauffälligen, aufgeregten Teenager auf Gleis 2 den Hauptdarsteller im ältesten Bühnenstück der Welt. Und das Publikum lächelt. Es lächelt ihm zu und es lächelt über ihn, doch es ist wohlwollend, denn es ist ihr Lieblingsstück.

Text 50: Ich brauche Siri nicht, ich habe Mama!

„Mama, ich bin Montag mit Sarah zum Mittagessen verabredet.“
- „Nein, da gehst Du zum Zahnarzt!“

„Mama, ich brauch mal das Telefon!“
- „Wen willst Du den anrufen?“
„Die Susanne.“
- „Nein. Mit diesem Flittchen telefonierst Du nicht schon wieder!“

„Mama, weißt Du wie das Wetter am Wochenende werden soll?“
- „Wo denn?“
„Wir wollten nach Amsterdam.“
- „Nein, wollen wir etwa Drogen nehmen? Es donnert gleich, Freundchen!“

„Mama, ich brauch das Auto, ich will zu Martin fahren.“
- „Nein. Lauf, das ist nur um die Ecke!“
„Mama, das sind mindestens vier Kilometer!“
- „Soll ich Dir mal den aktuellen Benzinpreis sagen, Freundchen?“
„Nein, Mama!“

„Mama, weißt Du ein Säugetier mit sieben Buchstaben?“
- „Nein, aber ich weiß ein Faultier, was den ganzen Tag nur rum liegt und Kreuzworträtsel löst. Vier Buchstaben: Sohn.“

„Mama, gibst Du mir bitte die Nummer von Pizzaservice?“
- „Nein, Du bist zu fett! Iss Salat!“

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